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Barrierefreiheit testen: Manuelle Prüfung vs. automatisches Monitoring

Wie Sie Ihren Online-Shop auf Barrierefreiheit prüfen - manuell, automatisch oder beides? Ein Leitfaden für Shop-Betreiber ohne technischen Hintergrund.

Sie wissen, dass Ihr Shop barrierefrei sein muss. Aber wie testen Sie das? Es gibt drei Ansätze: manuell prüfen, automatische Tools nutzen, oder kontinuierliches Monitoring einsetzen. Dieser Leitfaden zeigt, wann Sie welchen Ansatz brauchen.

Die drei Ansätze im Überblick

AnsatzAbdeckungAufwandKosten
Manuelle Tests~100% der KriterienHoch (Stunden/Seite)Personal + ggf. Audit
Automatische Scans~30-40% der KriterienNiedrig (Minuten)Tools meist kostenlos
Kontinuierliches Monitoring~30-40% + ÄnderungserkennungMinimal€20-100/Monat
Wichtige Erkenntnis

Kein automatisches Tool kann alle WCAG-Kriterien prüfen. Aber: Die Fehler, die automatisch erkannt werden, sind oft die häufigsten und kritischsten – und die einfachsten zu beheben.


Was kann automatisch getestet werden?

Gut automatisierbar (ca. 30-40% der WCAG-Kriterien):

  1. Fehlende Alt-Texte – Tool erkennt Bilder ohne alt-Attribut
  2. Farbkontrast – Algorithmus berechnet Kontrastverhältnis
  3. Fehlende Formular-Labels – Tool prüft Label-Zuordnung
  4. Überschriften-Struktur – Hierarchie ist maschinell prüfbar
  5. Sprache der Seitelang-Attribut ist vorhanden oder nicht
  6. Link-Texte – "Hier klicken" ist erkennbar
  7. Fehlende ARIA-Attribute – Bei interaktiven Elementen

Nur manuell prüfbar:

  1. Qualität der Alt-Texte – Ist "Produktbild" aussagekräftig?
  2. Tastaturbedienung – Funktioniert der Checkout per Tab?
  3. Screenreader-Kompatibilität – Wird alles korrekt vorgelesen?
  4. Verständlichkeit – Ist die Sprache klar?
  5. Konsistenz – Verhält sich die Navigation überall gleich?
  6. Video-Untertitel – Sind sie korrekt und vollständig?
  7. Fokus-Reihenfolge – Ist sie logisch?

Ansatz 1: Manuelle Tests

Wann sinnvoll?

  • Vor einem kompletten Relaunch
  • Für Gutachten und Zertifizierungen
  • Bei komplexen interaktiven Elementen
  • Wenn automatische Tests Probleme zeigen

Was Sie brauchen:

  1. Tastatur – Testen Sie Navigation ohne Maus
  2. Screenreader – NVDA (kostenlos) oder VoiceOver (Mac)
  3. Checkliste – WCAG 2.1 AA Kriterien
  4. Zeit – 2-4 Stunden pro Seite bei gründlicher Prüfung

Grundlegende manuelle Tests:

1. Tastatur-Test (15 Minuten)

  • Drücken Sie Tab durch die gesamte Seite
  • Können Sie alle Buttons und Links erreichen?
  • Ist der Fokus immer sichtbar?
  • Können Sie Menüs mit Pfeiltasten bedienen?
  • Lässt sich der Checkout komplett ohne Maus abschließen?

2. Zoom-Test (5 Minuten)

  • Zoomen Sie auf 200% (Strg + Mausrad)
  • Ist der Text noch lesbar?
  • Überlappt nichts?
  • Ist horizontales Scrollen nötig?

3. Screenreader-Test (30+ Minuten)

  • Installieren Sie NVDA (Windows) oder aktivieren Sie VoiceOver (Mac)
  • Wird der Seiteninhalt sinnvoll vorgelesen?
  • Werden Bilder beschrieben?
  • Sind Formulare verständlich?
Screenreader-Tests sind aufwändig

Ohne Erfahrung mit Screenreadern dauert ein gründlicher Test Stunden. Für die ersten Prüfungen können automatische Tools wichtige Hinweise liefern.


Ansatz 2: Automatische Scans

Wann sinnvoll?

  • Als erste Bestandsaufnahme
  • Für schnelle Checks nach Änderungen
  • Um offensichtliche Fehler zu finden
  • Als Ergänzung zu manuellen Tests

Beliebte kostenlose Tools:

ToolTypStärken
WAVEBrowser-ExtensionVisuelles Feedback, einfach
LighthouseIn Chrome integriertSchnell, Score-System
axe DevToolsBrowser-ExtensionSehr genau, wenig False Positives

So nutzen Sie automatische Tools effektiv:

Schritt 1: Wichtigste Seiten identifizieren

  • Startseite
  • Kategorieseiten
  • Produktdetailseiten
  • Warenkorb & Checkout
  • Kontakt/Login

Schritt 2: Jede Seite scannen

  • Tool starten (z.B. WAVE Extension)
  • Ergebnisse dokumentieren
  • Fehler nach Schweregrad sortieren

Schritt 3: Fehler beheben

  • Mit kritischen Fehlern beginnen
  • Alt-Texte, Kontraste, Labels zuerst
  • Nach Fix erneut scannen

Grenzen automatischer Tools:

  • Prüfen nur eine Seite zu einem Zeitpunkt
  • Keine Benachrichtigung bei neuen Fehlern
  • Keine Priorisierung nach BFSG-Relevanz
  • Keine Compliance-Dokumentation

Ansatz 3: Kontinuierliches Monitoring

Wann sinnvoll?

  • Bei Shops mit regelmäßigen Updates
  • Wenn keine Zeit für ständige manuelle Tests
  • Für BFSG-konforme Dokumentation
  • Als Teil einer langfristigen Compliance-Strategie

Was Monitoring bietet:

  1. Regelmäßige automatische Scans – Täglich oder wöchentlich
  2. Benachrichtigungen – E-Mail bei neuen Fehlern
  3. Trend-Tracking – Fortschritte werden sichtbar
  4. Compliance-Berichte – PDF für Audits und Anwälte
  5. Priorisierung – Fokus auf rechtlich relevante Fehler

Vergleich: Einmaliger Scan vs. Monitoring

AspektEinmaliger ScanKontinuierliches Monitoring
ZeitpunktSnapshotLaufend
Neue Fehler erkennenNeinJa
Plugin-UpdatesNicht erfasstErfasst
Content-ÄnderungenNicht erfasstErfasst
Audit-DokumentationManuellAutomatisch
AufwandPro SeiteEinmalig einrichten

Die optimale Kombination

Für nachhaltige BFSG-Compliance empfehlen wir eine Kombination:

1
Prüfumfang definieren
2
Testmethode wählen
Ideal

Optimal: Automatisches Monitoring (Basis) + Manuelle Tests (Tiefe)

Risiko

Akzeptabel: Nur manuelle Tests (hoher Aufwand, Gefahr von Lücken zwischen Tests)

Gefahr

Unzureichend: Nur einmaliger automatischer Scan (findet nur 30% der Fehler)

Konkret:

Phase 1: Ist-Zustand erfassen (einmalig)

  1. Automatischen Scan durchführen (30 Minuten)
  2. Tastatur-Test der wichtigsten Seiten (1-2 Stunden)
  3. Fehler-Liste erstellen und priorisieren

Phase 2: Kritische Fehler beheben (einmalig)

  1. Alt-Texte für alle Produktbilder
  2. Farbkontraste korrigieren
  3. Formular-Labels hinzufügen
  4. Überschriften-Hierarchie bereinigen

Phase 3: Laufend überwachen (dauerhaft)

  1. Monitoring-Tool einrichten
  2. Wöchentliche/tägliche automatische Scans
  3. Benachrichtigungen bei neuen Fehlern
  4. Monatliche Berichte für Dokumentation

Phase 4: Regelmäßige manuelle Stichproben

  1. Quartalsweise Tastatur-Tests
  2. Screenreader-Checks nach größeren Updates
  3. Jährliche vollständige Prüfung

Kosten-Nutzen-Analyse

Szenario: Online-Shop mit 100 Produktseiten

Nur manuelle Tests:

  • Zeitaufwand: 200-400 Stunden pro Jahr
  • Kosten: €5.000-15.000 (intern oder extern)
  • Risiko: Fehler zwischen Tests nicht erkannt

Nur automatische Einmal-Scans:

  • Zeitaufwand: 5-10 Stunden pro Quartal
  • Kosten: €0 (kostenlose Tools)
  • Risiko: Neue Fehler werden nicht erkannt

Kombiniert mit Monitoring:

  • Zeitaufwand: 20-40 Stunden pro Jahr + Monitoring
  • Kosten: €300-1.200/Jahr (Monitoring) + gelegentliche manuelle Tests
  • Risiko: Deutlich reduziert durch kontinuierliche Überwachung

Fazit: Die richtige Balance finden

  • Automatische Tools decken die technisch prüfbaren Kriterien ab
  • Manuelle Tests sind für interaktive Elemente und Screenreader unerlässlich
  • Kontinuierliches Monitoring verhindert, dass neue Fehler unbemerkt bleiben

Für die meisten Online-Shops ist die Kombination aus automatischem Monitoring (täglich) und gelegentlichen manuellen Stichproben (quartalsweise) der beste Kompromiss zwischen Aufwand und Compliance.

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Stand: Januar 2026
© 2026 BFSGklar
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